Montag, 14. Oktober 2019

Ist der streik vorbei? JA oder NEIN?

Das Wochenende war der Höhepunkt des Streiks. Tausende  neuer Indios kamen in die Stadt Quito, um den Protestierenden zu helfen. Aber auf der anderen Seite - und das hat wohl wenig mit den Indigenen zu tun, gab es eine Welle der Zerstörung in der Hauptstadt. Ein Regierungsgebäude wurde gestürmt, total verwüstet und angezündet, sicher ca. 12 Stockwerke verwüstet. Straßen aufgerissen, um Steine zu haben. Sie haben auch mit kleinen „Raketen“ aus Plastikrohren so für 20 - 30 Meter Entfernung mit Feuer geschossen. Das Gebäude einer Fernsehstation wurde angegriffen, Fahrzeuge angezündet, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Die Feuerwehr konnte nicht löschen. Es war wie im Krieg, viel schlimmer als bei all den Protesten, die wir kennen - und wir kennen uns inzwischen bei Protesten aus. Die Schäden gehen in die mehrere 10 Millionen. Und da waren zusätzlich andere Kräfte am Werk.
Der Präsident hatte die Regierung nach Guayaquil an die Küste verlegt. Dann am Abend ein Treffen mit den Leitern der Indiogruppen und die Entscheidung: Der Streik wird abgeblasen und die Sache neu verhandelt.
Da stehen wir nun.
Quintessenz: Eigentlich ist der Streik noch nicht vorüber aber alle Straßen sind offen. Es gibt in Shell und im Oriente wieder Gemüse und Früchte. Die Tankstellen sind nach wie vor leer, denn bis Sprit hierher kommt, dauert es 2 - 3 Tage.
Der Streitpunktin Slogans: Neoliberalismus gegen Sozialismus - oder übersetzt: Mehr Marktwirtschaft oder Planwirtschaft. Es gibt noch viel mehr Schlagworte.
Unser Land hat sich an die Subventionen der Regierung gewöhnt. Dass unsere spottbilligen  Gastanks und subventioniertes Benzin/Diesel nach Kolumbien und Peru verschwinden, ist ein offenes Geheimnis. Das bleibt erste einmal so. Die freuen sich. Und warum muss ein Ausländer oder Tourist auch subventioniert werden? Energiesparen macht in Ecuador keinen Sinn. Dabei reichen die Energiereserven des Landes für nur noch geschätzte 10 Jahre. Dann ist Schluss mit lustig.

Heute kamen wieder mehr Patienten in unsere Klinik. Einige der Männer hatten noch ihre Kriegsbemalung vom Wochenende und ich muss ehrlich sagen, dass in mir Wut hochstieg. Auch ich bin nicht frei von Gefühlen, wenn sich dann einer über den Preis der Behandlung mokiert. Hier ist nicht alle Behandlung umsonst. Und das Gesundheitsministerium hat die Familienangehörigen, die aus dem Urwald nach Puyo oder aus dem Hochland nach Quito kamen, nicht behandelt, es sein denn wirkliche Notfälle.
Der Konflikt ist noch lange nicht zu ende. Noch werden auf beiden Seiten die Wunden geleckt und eine Einigung nicht in Sicht. Es kann jeder Zeit weiter gehen. Zum ersten Mal, seit 60 Jahren wurde ein Präsident "nur" gebremst. Lenín Moreno bleibt weiter im Amt. Er musste nicht im Flugzeug aus dem Land fliehen. Der ist bodenständig und kann auch Niederlagen hinnehmen. Er hat wohl später keinen Korruptionsvorwurf zu befürchten im Gegensatz zu seinen Vorgängern. Das ist neu.

Wir haben gemerkt, wie  mächtig Gebet ist. An diesem entscheidenden Sonntag haben viele, viele Christen mit sich und Gott gerungen, auch unter den Indios. Eine so schnelle Einung war eine Überraschung. Gott ist groß.....

Und noch etwas. Das 9. der Zehn Gebote hat für mich eine neue Tiefe gewonnen - den anderen nicht schlecht zu machen. Darin sind besonders die Sozialen Medien groß: Hassbotschaften, falsche Nachrichten, Fake News, Videos aus anderen Länder und aus anderen Zeiten schufen Feindbilder und machten Menschen wütend. Wo geben wir fake news weiter, ohne sie vorher nachgeprüft zu haben?

Freitag, 11. Oktober 2019

Die Situation in Ecuador, Stand 11. Oktober 2019

Wir sitzen hier in Shell, seit einer Woche quasi ohne Einnahmen für unsere Klinik. Nur wenige Patienten kommen durch zu uns (und auch wieder heim). Überall Straßensperren. Es gibt keine frischen Lebensmittel mehr. In einige noch isoliertere Städte wie Cuenca fliegt die Regierung bereits Lebensmittel ein.
Der Regierungssitz wurde nach Guayaquil verlegt. So sitzen die Indios jetzt zu Tausenden in Quito und protestieren. Nach den ersten sehr gewalttätigen Tagen mit Plünderungen sind die Leute in Quito zu Tausenden aufgestanden, um für friedliche Proteste zu demonstrieren. Das zeigt eine große Unterstützung für die Regierung an. Das Leben in Quito und Guayaquil normalisiert sich. Die Straßenschlachten finden um das Regierungsviertel statt. Rotes Kreuz und andere Gesundheitsdienste werden immer wieder an der Arbeit behindert. Die Indios sind isoliert. Jetzt leiden sie. Sie kamen mit Frauen und Kindern. Diese werden in zwei Universitäten in der Nähe untergebracht. Jetzt betteln sie um Decken und Nahrung.
Ähnliches erleben wir in Puyo. Heute sollten wir zu Frauen und Kindern bei den Streikposten hingehen, um Fußkranke und Erkältete zu behandeln. Das Gesundheitsministerium hatte heute kein Personal dafür. Aber ins Krankenhaus ist es ihnen zu weit.
Deren Männer sind nach Quito gefahren, um zu protestieren. Frauen und Kinder bleiben hier zurück. Das zeigt an, dass diese Aktion  von Seiten der Indios nicht gut vorbereitet war.
Mehr und mehr macht sich der Unmut der restlichen Bevölkerung bemerkbar. Aber die sind nicht so gut organisiert, Da gibt es keinen Chef, der alleine sagt, wo es lang geht. Und so spitzt sich derzeit die Wut der Indios in Quito zu. Auch sonst im Land wird gestreikt, aber meist friedlich. Auch in Puyo sind die meisten Schreier ruhiger - oder nach Quito gezogen.
Jetzt kann keine Seite mehr zurück. Die Regierung handelt klug und regiert vom entfernten Guayaquil aus.
Sie macht klare Angebote, das eingenommene Geld an die Ärmsten zu verteilen. (Landwirtschaftliche Projekte, Sozialfonds etc . Es wird Zeit, dass sich die ruhige Mehrheit der Bevölkerung auch mal organisiert. Der Ausgang ist offen.
Deswegen haben derzeit auch die sozialen Medien mit allerlei Fake news und gezielten Fehlinformationen Hochkonjunktor, allen voran die Verschwörungstheorien ohne Angabe des Autors mit der Bitte: Versendet diese Nachricht bitte weltweit!....... Wieviel falsches Zeugnis wird da oft gedankenlos weitergegeben?.......  

Dienstag, 8. Oktober 2019

Ecuador im Chaos

Vor 5 Tagen hat die Regierung das Ende der Subsidien für Benzin und Diesel beschlossen, was im Klartext eine Verdoppelung der Spritpreise bedeutet. Neben den Spritpreise wurden aber auch die Gehälter der staatlichen Angestellten um 20% und deren Ferien auf wie hier üblich 15 Tage reduziert. Auf der anderen Seite wurden die Sozialleistungen für die arme Bevölkerung drastisch erhöht.
Zunächst haben daraufhin die Transportunternehmen zwei Tage lang gestreikt, danach das ganze Land. Es sind in erster Linie die Indianer der Sierra und nun auch des östlichen Tieflandes. Die Straßen sind gesperrt und Städte werden von den Indigenen belagert. In unserer Provinzhauptstadt Puyo und in Riobamba haben sie die Provinzverwaltung besetzt. Die Geschäfte sind zu, Tankstellen leer. Wer zur Arbeit will wie unsere Mitarbeiter, muss laufen. Einige Motorräder fahren Menschen für horrende Preise einige Kilometer bis in die Nähe der nächsten Streikposten, doch denen werden dort die Reifen nicht nur zerstochen, sondern aufgeschlitzt.
In Ambato wurden Antennen für Radio und TV besetzt. Es werden keine Programme mehr ausgestrahlt.
Viel schlimmer aber ist der Pöbel, die das Chaos nutzt. Es wurden Läden mit Waschmaschinen, Fernsehen etc. geplündert, Apotheken und Handyläden ausgeraubt. Das sind einzelne Vorkommnisse, aber da tobt sich der Pöbel aus und zerstört.

Die Indigenen sind bestens vernetzt. Ganze Dörfer aus dem Hochland sind derzeit unterwegs, um am Mittwoch in Quito zu demonstrieren. Und alle müssen mit, ob einer will oder nicht. Ziel ist, die Regierung zu stürzen. Dahinter stecken auch andere Kräfte wie der ehemalige Präsident Correa und seine Freunde, natürlich nur verdeckt.

Was dieser Tage offen zu Tage tritt ist eine enorme Wut, die sich in Zerstörung und Raub entlädt. Aber es wird auch deutlich die Kultur der indianischen Lebensweise. Sie müssen und können nur gemeinsam reagieren und die Leiter legen das fest. Deswegen müssen sie mitmachen, ob es gefällt oder nicht. Wie viele Christen gibt es nicht unter ihnen, die das gar nicht wollen, aber das spielt keine Rollen. Sie sind Teil des Ganzen. Individualismus gibt es nicht.

Und auf der anderen Seite hunderte von Polizisten und sicher auch Militärs, die den Regierungssitz schützen müssen. Sie knien auf dem Platz und beten zusammen vor dem großen Einsatz.

Wir brauchen das Gebet vieler, dass es dieses Mal nicht wieder zum Regierungszusammenbruch kommt. Der Präsident ist vorsichtshalber schon mal in Guayaquil. Die Mehrheit der Bevölkerung steht nach wie vor noch hinter ihm, aber das Gesetz der Straße ist oft Ton angebend. Die nächsten Tage entscheiden.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

03. Oktober - ein ganz besonderer Tag für Eckehart

   Heute wird in Deutschland die Einigung gefeiert, dieses Jahr in Kiel bei nicht mehr ganz so heißem Wetter. Jedenfalls haben alle dicke Jacken an.
   Hier sieht es anders aus. Die Kinder haben zwei Tage schulfrei, aber nicht wegen einer Feier. Es ist nach langer Zeit wieder einmal ein landesweiter Streik, alle Straßen blockiert. Die Regierung und das Parlament haben beschlossen, die Subvention  für Benzin und Diesel aufzuheben. Somit steigt der Spritpreis ca. auf das Doppelte. Es war eine längst überflüssige Maßnahme einer Staates der bis über beide Ohren in Schulden steckt. Viele Ecuatorianer haben volles Verständnis dafür, aber die Lobby der Bus - und LKW-Unternehmen streikt und jeder weiß, dass sich jetzt die Preise für ALLES erhöhen werden.
Aber für mich, Eckehart, ist dieser Tag aus einem anderen Grund wichtig. Am 03. April 2021 werde ich 70 Jahre alt und werde mit dem Operieren aufhören. Spätestens dann wollen wir uns hier verabschieden. Also muss jetzt Tempo gemacht werden.
   Unsere Pläne waren gut, aber immer kam etwas dazwischen. Alles hat sich verlängert.
Der jetzige Stand ist: Am Ende diesen Jahres ist die Renovierung des halben Hospitals abgeschlossen. Die andere Hälfte hat Zeit. Dann sind die OPs und Patientenräume fertig für eine Tagesklinik. Dann können wir drei wichtige Bereiche beginnen: Operationen, Endoskopie (Magen- und Darmspiegelungen) und Geburten. Wir schauen uns seit längerer Zeit nach Ärzten um, die dann stundenweise Sprechstunden anbieten und dann mit diesen Patienten entsprechende Behandlungen durchführen.  Denn nur durch zusätzliche Ärzte und deren Fachbehandlung ist die Klinik auf Dauer gesichert. Einen Chirurgen, der Orthopädie, Urologie und Gynäkologie operationstechnisch abdeckt, gibt es nicht mehr. Ein HNO- oder-und Augenarzt wäre nicht schlecht und hätte genügend Arbeit.
   Der Tag heute zeigt uns wieder die Notwendigkeit der Wachablösung an.
Wir merken, dass wir keine 50 mehr sind. Dennoch sind wir mit Freunden bei der Arbeit. Unser Team wächst weiter zusammen aber das reicht nicht. Die gemeinsamen Andachten am Morgen werden besser = geistlich tiefer. Unser Gebetskreis jeden Mittwoch wächst nach der Sommerpause wieder und ist begeistert dabei. Komplikationen bei Operationen schweißt unser Team zusammen. Jeder gibt mit Freuden, was er/sie kann und hat. (Blutspende, Materialien mitten in der Nacht suchen etc.). Wir erleben den Segen Gottes.
   Aber jetzt ist eine neue Stufe der Arbeit dran und wir beten um:
- Weitere ärztliche Mitarbeiter, die sich integrieren lassen und nicht nur einen Job suchen.
- Weitere Pfleger/Pflegehelfer als Teil des Teams
- Die Finanzen beim Kauf des Hospitals/Geländes
   In 1 1/2 Jahren möchten wir in Deutschland sein, Freunde und Gemeinden vielleicht per Fahrrad besuchen , dort Zeit zu verbringen, unser Leben mit ihnen zu teilen, weniger Stress zu haben und zu sehen, wie es ohne uns in Shell weitergeht. "Unser Kind" ist dann hoffentlich selbständig.