Montag, 22. Juni 2020

Wer hat Lust mit mir zu philosophieren?


 2020-06-18 Mein Besuch im Centro de personas de privado de libertad CPPL (Carcel)
Durch die erzwungenen Besuche im Frauengefängnis von Quito, damals 2004/5, die nach dem Praktikum von Sina Kremers (Radunski) an mir hängen geblieben war, hatte ich einen Hang zu diesen Menschen. In Quito war ich damals einige Male Sonntagmorgen ins Gefängnis gegangen, um den Frauen zu begegnen. Von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dort zu sein oder diese Menschen zu besuchen.
Als jetzt die Frage aufkam, wer geht ins Gefängnis, habe ich mich gleich gemeldet. Wir sollten die Immunproben für COVID 19 an 80 Leuten machen. Dr. Diego Guaranga und der Interno Pablo gingen mit. Ich dachte, erst sollte ICH die Proben machen, dann wurde vor Ort klar, dass Diego und Pablo abwechselnd die Untersuchungen und die Proben machten und ich die Leute begrüßte und aufschrieb.
Bei der Datenaufnahme fragte ich sie meist, wie lange sie schon hier seien, ob sie schon ihr Urteil bekommen hätten und was die Verurteilung ergeben hat. Oft konnte ich noch fragen, warum sie denn ins Gefängnis gekommen wären und bei vielen war die Antwort: es war ein Versehen, ich bin ja eigentlich ganz unschuldig hier.
Das brachte mich auf die Idee, dass wir als Menschen ganz generell jegliche Schuldzuweisung von uns abwehren. Wer nicht ganz „scrupuloso“ ist, wie Luther es früher formulierte, d.h. ein sehr enges Gewissen hat, der denkt doch von sich: also ein schlechter Mensch bin ich doch eigentlich nicht. Dabei übersehen wir, dass in uns allen die Leuchte Gottes wohnt, wir haben vom Lebensbeginn an, eine Ahnung, wer wir sein könnten. Und dann suchen wir den Teufel außerhalb von uns und merken gar nicht, dass er in uns ist. „Zwei Seelen schlummern ach in meiner Brust“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Und Paulus beschreibt diesen Tatbestand sehr schön am Ende des 7. Kapitels des Römerbriefes. Mein Blick ist verstellt. Ich habe einen blinden Fleck, der die eigenen Fehler nicht wahrnehmen kann. Und bei manchen ist dieser Fleck ganz schön groß, bei anderen weniger.
Je mehr wir zulassen, dass wir von außen angeschaut und korrigiert werden, um so mehr verkleinert sich dieser blinde Fleck, aber da sein wird er wohl unser Leben lang. Das ist die Seite an uns, die den anderen Menschen in unserem Leben aufregt, zornig macht, ja zur Weißglut bringt. Immer wieder macht sie denselben Fehler, immer wieder ist sie zu spät - zu kleinlich - zu großzügig - zu ungenau. Unsere Ecken und Kanten müssen uns von anderen gesagt werden. Und dann hängt es immer noch an uns, was wir mit dieser Information machen. Wollen wir uns das sagen lassen, wollen wir uns wirklich ändern, oder ist es nicht viel bequemer, bei meinem Standpunkt zu bleiben?
Wenn ich einmal erlebt habe, was passiert, wenn ich mich für etwas entschuldige, was ich falsch gemacht habe, wenn ich es erkennen und zugeben kann, dann will ich nicht mehr hinter diese Erfahrung zurück. Wenn das schon bei uns Menschen so beglückend ist, wieviel mehr ist das im Verhältnis zu Gott. Wenn ich zu ihm zurück komme und mich in seine Arme werfe und zugebe, dass ich unfähig bin von mir aus nach seinem Standard zu leben, mache ich IHN glücklich und mich selber. 




Sonntag, 14. Juni 2020

Mitendrin in Coronazeiten

Jeder kennt die die Geschichte der "Zehn kleinen Negerlein" - eine Rassendiskriminierung aller-aller-spätestens seit Minneapolis und jetzt Atlanta.
    Und doch fühlen wir uns so, denn unser Team schrumpft. Wir haben keine Mitarbeiter afrikanischer Hautfarbe bei uns und doch sind wir ein gemischtes Team verschiedener "Farben", auf die wir stolz sind. Und dieses Team ist zu einer neuen Einheit zusammengewachsen. Und doch bröckelt es zurzeit - wegen Corona.
  Ein Mitarbeiter hat seinen 87-jährigen Vater zu sich geholt. Der hat eine  schwere Lungenzündung, Tests auf Corona bisher negativ, aber die Klinik spricht klar dafür - also bleibt der Mitarbeiter zunächst einmal zuhause. Wir besuchen den Vater mit Sauerstoffbehandlung  beinahe täglich im Schutzanzug.
  Eine Ärztin des Teams musste einige Tage zuhause bleiben, weil ihre Kinder nacheinander Fieber und Durchfall hatten. Jetzt sind die Eltern "ein bisschen" krank - Corona positiv im Test - Totalausfall fast 7 Wochen.
  Unsere Zahnärztin hat derzeit sehr viel Arbeit. Ein Familienmitglied im Haus nebenan Corona positiv getestet - einige Tage Ausfall bis zum Ergebnis der Eigentestung.
  Ein befreundeter Arzt half uns am Samstag aus, weil unser ärztliches Personal jeder Samstag Dienst hat und überlastet ist. Mittendrin der Anruf: Dein Kollege ist positiv getestet - Ende der Hilfe, Quarantäne und weitere Tests.
  Unsere Klinik gerät durcheinander. Wir spüren alle das Risiko. Obwohl vor der Klinik die Vitalzeichen aufgenommen werden, schlüpfen immer wieder Patienten durch. Ein älterer Patient ohne Fieber, Husten oder dergleichen kam wegen allgemeiner Schwäche - Corina positiv und brauchte intensive Hilfe.
  Und wir haben gefährdete Mitarbeiter, die mit Cortison Therapie leben, andere sind ängstliche Persönlichkeiten, denen die geschlossen Fenster und die Alkoholsprayflasche die Sicherheit vermitteln. Wenn wir abends die Einnahmen  zählen, klebt das alkoholisierte Geld an den Händen. In manchen Läden wird der Schein direkt in Alkohol gebadet.
  Jetzt müssen wir wegen fehlender Mitarbeiter die Sprechstundenzeiten runterfahren, denn Corona bedeutet mehr Personal an zwei statt einem Patientenkontrollpunkt. Dennoch können wir stolz behaupten, dass sich noch keiner unserer Mitarbeiter bei der Arbeit angesteckt hat. Dennoch stecken wir mitten im Ausbruch. Letzten Samstag waren von 20 getesteten Personen 15 positiv, obwohl die wenigsten krank waren. Nächste Wochen haben wir eine Testaktion im nahen Gefängnis geplant, eine soziale Aktion, denn die Gefangenen haben seit fast 3 Monaten keinen Besuch erhalten und es ist kein staatliches Geld vorhanden.
  Unser Team macht weiter, auch in Zeiten der Schwierigkeiten. Wir sind derzeit wohl am Höhepunkt der Pandemie und dankbar für alle Gebete und Fürbitte!!! 

Mittwoch, 3. Juni 2020

Ein besonderer Jahrestag

Die Welt ist voller Feiertage, aber der 03.Juni ist für uns persönlich wichtig. Er ist der Ursprung der Arbeit der letzten 7 Jahre:
Genau an diesem Tag kam die damalige Leiterin von HCJB, heute Reach Beyond. Ihr schwante eine Änderung in Shell, die sie selbst nicht benennen konnte und sie fragte Klaudia und Eckehart bei vollem Krankenhausbetrieb, ob wir uns vorstellen könnten, Verantwortung für dieses Hospital zu übernehmen. Irgendetwas lag da in der Luft!
Uns verschlug es die Sprache, waren wir doch in unserem Heimataufenthalt gebeten worden, uns nach einer anderen Tätigkeit in der Mission umzusehen. Missionare würden in Shell nicht mehr gebraucht. Und dann diese Antwort. Ansporn und Zweifel!
Gott gab uns persönliche Zusagen in diesen Tagen, in denen wir beteten und mit niemandem darüber sprachen. Nach wenigen Tagen war es klar: Er wollte, dass wir das Wagnis annahmen. An diese Verheißungen haben wir uns gebunden - und dann ging es in die Tiefe. Im August die Nachricht: Das Hospital wird geschlossen, nichts weitersagen - aber alle wussten es - im September 2013 die Entlassung der Hälfte der Belegschaft. Die anderen mussten Ende Dezember gehen. Wir waren die Störenfriede, Anfeindung von vielen Seiten, Sprachverbot, wir verließen die Mission, Ende aller Träume.
Die Gründung einer einheimischen Stiftung dauerte 9 Monate, Gelder sammeln, Patienten zuhause behandeln und dafür angegriffen zu werden, weil wir keine Arztpraxis sind. Suche nach Möglichkeiten, Irrwege durch falsche Versprechungen, Auszug aus dem Hospital, Beginn einer Praxis mit wenigen Ärzten in einem gemieteten Haus, Konkurrenz, weil HCJB das Hospital in der Nähe an 27 Ärzte vermietete. Dann gaben diese auf und wir hatten die Chance, unser altes Hospital zu mieten - Vertrauen wuchs, wir kauften nach und nach Geräte und übrig gebliebene Ausrüstung, die Erlaubnis, den OP-Trakt zu renovieren - viele Umwege........ und schließlich die  Erlaubnis, das Ganze zu kaufen. Der Kauf ist erst wenig mehr als ein halbes Jahr her. Und wir haben schon 25 % des Kaufpreises hinterlegt nach all den enormen Kosten der Einschreibung der Besitzerurkunden in der Stadtverwaltung.
Streiks in Ecuador ohne Patienten, jetzt Coronapandemie, Wir haben Mitarbeiter verloren, neue gewonnen. Das Team ist noch nicht ideal aber stabil. Gerade Zeiten der Not schweißen uns zusammen.
Inzwischen ist das halbe Hospital von Grund auf renoviert. Neue Fachärzte werden weitermachen, wenn sie wegen Corona kommen können. Ein Bauchchirurg möchte anfangen, ein Kinderorthopäde nächstes Jahr. Neue Missionare sind in Sicht. Wir können abgeben und tun es mit Freuden. Details noch nicht in trockenen Tüchern.
 Gott hat uns versprochen, dass die ersten zwei Jahr kaum Fortschritte verzeichnen werden, dann können wir pflanzen und ernten. Genauso ist es gekommen. Inzwischen sind es die Mitarbeiter, die Ideen haben und neue Möglichkeiten aufschließen. Einer gibt dem anderen neue Ideen und wir Alten müssen nur noch leiten und ordnen (bei aller persönlichen Patientenbehandlung).
Heute, 7 Jahren nach diesem denkwürdigen Tag können wir nur dankbar zurückblicken. Die Zukunft macht uns immer noch Sorgen, aber Gott zeigte uns, dass es SEIN Werk ist und er unsere Kraft dafür benötigt. Dazu sind wir gerne bereit.
Dank für so viele, die uns begleiteten und begleiten. Ihr seid das Team, dass dies alles möglich macht. Sieben, das ist die Zahl der Vollkommenheit, die Zahl Gottes. Ihm sei alle Ehre!!!

Samstag, 23. Mai 2020

Coronazeit - Katastrofe - und eine Chance

Alle Welt stöhnt über die Coronabeschränkungen, aber es gibt auch viel Neues. Heute ein kleines upädate aus unserer Gemeinde in Quito,in der wir physisch seit 2 1/2 Monaten nicht mehr anwesend waren.
Montag bis Samstag haben wir jeden Abend eine Gebetszeit. Typisch Latinokultur beginnt sie meistens etwas verspätet - 1 Std. Heute endete sie um 22.30 - so viele Gebetsanliegen über Facebook und toutube parallel. Die Mitbeten kommen aus den USA, aus Spanien, Chile, Brasilien, Deutschland und natürlich Ecuador. Es kommen Menschen dazu, die der Gemeinde längst den Rücken gekehrt haben. Der Weg zur Gemeinde ist für alle gleich weit - ein Handyclick.
Jetzt fangen die Hauskreise wieder an pero Zoom und ähnlich Medien. Und wir Leiter haben wohl noch nie soviel telefoniert wie in diesen Tagen. Da viele nicht aus dem Haus können, vor allem die Alten, erreichen wir sie fast den ganzen Tag. Wir haben unsere Arbeitszeit umgestellt. In den Arbeitspausen können wir anrufen, eine Chance, an die wir früher nie gedacht haben. Das Argument: "Die Pastor hat uns noch nie besucht!" gibt es nicht mehr. Wir schaffen als Leiter "viele Besuche" pro Tag.
Eine Gruppe liegt uns sehr am Herzen: Unsere venezolanischen Flüchtlinge. Sie lebten von Gelegenheitsarbeiten, waren Aufpasser in Parkregionen, wuschen die Fensterscheiben der Autos an Ampeln oder verkauften Bonbons auf der Straße. Das alles ist jetzt weggefallen. Es gibt eine Regierungsanordnung, dass keiner in dieser Krisenzeit wegen fehlender Mietzahlungen auf die Straße gesetzt werden darf. Aber wenn die Mietschulden anwachsen - dann schaut man sich nach etwas anderem um. Sie wollten in unserer Gemeinde Zimmer in Beschlag nehmen - doch dann werden wir sie nicht mehr ohne Ärger los.
Es sind z.T. junge Christen. Im Januar hatten wir ein Tauffest mit vielen von ihnen. Sie sind ein lebendiger Teil von uns. Die Finanzen der Gemeinde sind auch nicht stabil. Jetzt hatten sie selbst die Idee, in unserer Kirche Essen zu kochen und in den wenigen offenen Stunden auf der Straße zu verkaufen. Die Reife dieser Christen sieht man aber darin, dass Essen vor allem für ihre Landsleute zubereiten, die um die venezolanische Botschaft auf irgendwelche Papieren warten. Dort bieten sie ihnen Essen und Evangelium an. Die Initiative kam von ihnen.
Manchmal möchte man beten: Gott, lass diese Zeit nicht zuende gehen. Es wächst soviel Neues : Jeden Abend ein Predigt und langes Gebet - das Kirchengebäude ist unwichtig geworden und eine Küche geworden. Die Finanzen der Gemeinde werden für etwas anderes gebraucht. Am Ende der Krise werden wir sicherlich nicht mehr zum VORHER zurückkehren können. Und Leuten geben für soziale Zwecke. Welch eine Änderung im Denken. Corona - Danke!
 

Donnerstag, 21. Mai 2020

Menkaye ist tot

Er ist als alter Mann gestorben und war darauf vorbereitet. Seine Kräfte schwanden in den letzten Jahren. Er konnte nicht mehr auf Bäume klettern, kaum noch laufen. Vor über 6 Monaten brach er sich das Handgelenk, das ich, Eckehart, im einrenken konnte. Seine Knie zeigen starke Arthrose, alles Dinge, die die Menschen im Urwald jetzt lernen, denn das gab es bisher nicht. Menschen wurden nicht so alt.
Ich spreche von einem Huahurani, der ab und zu in unser Hospital kam. Er war Teil der Gruppe von Kriegern, die im Januar 1956 die 5 Missionare ermordeten, Jim Elliot, Nate Saint und drei weitere hatten versucht zu diesem Stamm mit dem Evangelium zu gelangen. Sie landeten auf einer Sandbank am Curarayfluß, bauten sich ein Baumhaus. Am nächsten Tag wurden sie überfallen und starben alle.
Ihre Mörder triumphierten über die 5, die sich nicht wirklich wehrten.
Es ist die Geschichte von Shell, denn von hier ging dann doch das Evangelium von Jesus Christus in den Dschungel, diesmal im zweiten Anlauf durch die Frauen und eine Schwester der Missionare. Es kam zu einer geistlichen Wende und es entstanden Gemeinden eigener Prägung und Kultur - Huahuranigemeinden eben. Und mitten drin die Mörder von damals, die längst ihre Tat bereuten und beim Aufbau der Gemeinde mithalfen.
Die Kultur der Indigenen veränderte sich bei den Meisten des Stammes. Das gegenseitige Morden hörte auf. Blutrache dezimierte die Bevölkerung seit langer Zeit. Wer über 40 Jahre wurde galt als Alter. Sie kannten keine Altersbeschwerden. Das hat sich jetzt geändert. Aber bei allen Beschwerden - die Freude über ein Neues Leben blieb. Die "Alten Herren", die immer wieder zu uns mit ihren Beschwerden kamen, strahlten etwas aus bei aller Sprachschwierigkeit.
Teil unseres Team ist eine Huauranifrau, dier wir eine Ausbildung als Schwesternhelferin finanzieren und die hier arbeitet. Sie ist die Enkelin von Menkaye. In ihrem Stamm gilt sie als Krankenschwester und ist geachtet, wenn sie dort auftaucht.
Unser Hospital sieht sich in der Nachfolge der 5 ermordeten Missionare, die damals bei Bau des ersten Hospitales, dem Holzbau auf Stelzen kräftig mitgearbeitet haben, dass es ein Hospital auch für Urwaldindianer wird. Geschichte bleibt nicht stehen. Sie wird fortgeschrieben. Menkaye hat jetzt den Stab an seine Enkelin weitergegeben. Wir freuen uns, so einen neuen Grundstein für die Huauranis legen zu dürfen.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Coronazeiten - hier und anderswo

  In Europa ist derzeit wohl die schönste Jahreszeit, hier in Shell ist Regenzeit d.h gelegentlich auch mal Sonne. Europa öffnet, hier die Menschen auch. Bisher haben die Hunde die Straße die meiste Zeit für sich selbst (Ausgangssperre 14:00 - 5:00). Jetzt holen sich mehr und mehr die Menschen ihre Freiheit zurück. "Hier werden Haare geschnitten - Eintritt durch die Hintertür!" stehen an einem geschlossenen Geschäft. Die Versorgung von Waren klappt immer besser. Neulich stand ein großes Auto vor unserem Hospital und Leute meinten: "So sahen mal Busse aus, wie wir sie von früher kannten!"
  Wir kommen kaum raus, außer Klaudia mit ihren Besorgungen in Puyo und dem Transport vom Personal. Eckehart hat seit 2 Monaten Shell nicht mehr verlassen außer beim Gemüseeinkauf 500 m entfernt.
Aber es geht uns gut: Wir haben mehr Kontakte denn je mit Freunden in der weiten Welt und der Gemeinde in Quito. Wir rufen viele mehr Menschen an als früher. Teamsitzungen der Gemeinde dauern jetzt 2 Std - fertig. Früher war das ein ganzer Abend. Jeder ist abends zuhause. Keine Wege mehr. Wieviel Umwege- Leerwege - machen wir oft??? Und trotzdem fehlt oft der direkte Kontakt. Gemeinsame Sitzungen im Schlafanzug zu machen, ist anders.
  Unsere Arbeit in Shell ist nicht weniger geworden. Nach einer Patientenflaute hat sich das deutlich gebessert, auch wenn noch keine Patienten mit dem Bus kommen können. Viele rufen uns an und mit einem Foto über WhatsApp schicken wir einen Behandlungstermin, mit dem sie die Kontrollen passieren können. Mehr und mehr Geburten kommen, auch geplante Kaiserschnitte..
Wir sind jeden Tag  froh über den Bau unseres Hospitales. Wir können drei Bereiche komplett trennen: Covid - 19 - Tests, normales Sprechstunde und stationäre Behandlung, sprich OPs. Drei verschiedene Eingänge.
   Die Patienten werden außerhalb des Gebäudes getrennt: Covid - Verdacht, Vitalzeichen gemessen - zum anderen Eingang unter ein Zeltdach geschickt - dort mit Sicherheitsabstand getestet, rausgeschickt und erhält sein Ergebnis der Antikörperprüfung nach 1 Std. Das Personal dort bis zur Unkenntlichkeit in Schutzkleidung versteckt. Am Ende werden sie "alkoholisiert" - abgesprüht werden alle Schichten der Schutzanzüge, Masken, Sichtschutz, Schuhe etc. Alkoholverbrauch ca 6 l pro Tag!!! Wir sind derzeit die einzige Teststelle in der Provinz. Mitarbeiter der Erdölfirmen, Militärs, Polizei und andere Behörden kommen nachmittags, wenn die anderen Patienten gegangen sind.  Der Rest der Klink läuft auch mit Sicherheitskleidung, aber in einem anderen Bereich und so kommen Menschen auch zur stationären Behandlung.
   Wir liefern dem Gesundheitsministerium allnachmittaglich die Zahlen. Deswegen ist Pastaza im Amazonastiefland die Provinz mit den meisten Infizierten. Indiogruppen haben geplant, sich abzuschotten. Aber immer wieder gab es Kontakte nach außen. Beispiel eine Familie am Rande von Shell. Unser Arzt macht einen Hausbesuch, weil der alte Vater Fieber und Husten hat. Der selbst im Test coronanegitiv (noch) aber alle anderen der Familie positiv getestet, obwohl sie gesund sind. Die tragen das Virus weiter!
Ein ganzes Dorf hat sich vor dem Virus schützen wollen und sich beim Medizinmann in dessen Haus angesteckt. Das Coronavirus hat unsere Gesellschaft erreicht.  
   Die Zahlen um uns herum steigen. Wir schicken die positiv getesteten nach Hause, ernstlich Erkrankte ins staatliche Hospital. Meldung an das Gesundheitsamt: Wenn die dann den Patienten besuchen wollen, ist er oft nicht zuhause, weil er bei anderen seiner Familie untergekommen ist. Wichtiger als wissenschaftliche Empfehlungen oder staatliche Maßnahmen sind familiäre Bindungen - oft bewirken sie das Gegenteil.
Uns geht es gesundheitlich und auch sonst gut. Wir haben finanzielle Hilfe von VIELEN erhalten - Danke!!!! Derzeit stöhnen wir mehr über die Arbeit, aber sie so effektiv wie lange nicht mehr. Danke für alle Begleitung!!!

Freitag, 17. April 2020

Wie geht das Leben weiter im Shut-Down von Crona?


Ecuador ist wie immer ein Land großer Gegensätze. Viele Coronapatienten an der Küste, vor allem in der Hafenstadt Guayaquil. Dort ist Vieles zusammengebrochen: Ausgangssperre wie im ganzen Land von 14:00 > 5:00, keinerlei Busverkehr. Nur landwirtschaftliche Produkte, Fischerei, Transport für die Grundversorgung wie Gas/Benzin sind erlaubt und medizinische Notfälle. Die staatlichen Krankenhäuser haben die normale Sprechstunde seit 4 Wochen gestoppt, Tendenz anhaltend. Nur Notfälle werden behandelt und kaum einer traut sich noch in die Hospitäler.

Zweiter Hotspot des Virus ist derzeit Quito. Auch dort füllen sich die Krankenhäuser. Ansonsten angespannte Ruhe.

Und die Presse berichtet über katastrophale Zustände an der Küste. Dort ist die Infrastruktur zusammengebrochen. Die Behördenbüros sind zu oder online. Ärzte kommen nicht mehr ins Haus bzw. man kommt nicht mehr in die Arztpraxis weil Transporte fehlen. Also stirbt man zuhause. Niemand holt die Leiche ab, kein Totenschein, die Preise für Särge sind gestiegen, Beerdigung der Familie untersagt. Da legt man aus Verzweiflung den Toten auf die Straße. Jetzt haben Militär und Polizei ca 800 Leichen abgeholt - Massengräber ohne Namen, hat aber nur indirekt etwas mit Corona zu tun - oder vielleicht doch? Wer weiß?

Wie überall auf der Welt leiden die Menschen, besonders die kleinen Handwerker und Läden, die keine Lebensmittel verkaufen. Die totale Blockade bleibt. Die Schulen machen dieses Schuljahr nicht mehr auf, Busse fahren nicht. Jedes Auto darf nur innerhalb der Provinz einen Tag in der Wochen fahren, jeder hat einen Einkaufstag  je nach Endnummer des Personalausweises. Über 65-Jähre dürfen gar nicht mehr aus dem Haus. Viele staatliche Hilfen gibt es nicht. Das Land war vorher schon pleite. Jetzt zahlen wenige Steuer. Wo bleibt da ein Spielraum für die Armen?

Wie überleben? Die sozialen Medien sind ein Segen, nicht nur für Kirchen. Überall gibt es kleine WhatApp-  oder ähnlich Gruppen. Wir brauchten Kabel, um die Renovierung voran zu bringen. Da wird der Hintereingang des Geschäftes genannt und eine Telefonnummer, wenn man in der Nähe ist. Heute war ein Friseur im Hospital, während der Arbeitszeit. Er hatte seinen Tagesverdienst. Autowerkstätten bieten den Service zuhause an, wenn einer einen Stellplatz im Hof hat. Nach der Starre des Anfangs kommt das Leben zurück. Wir hatten erstmals einige Geburten, weil die Frauen nicht in staatliche Einrichtungen gehen wollten. Doch die Bezahlung .... später, weil wir noch keinen Lohn ausgezahlt bekamen. Der Staat bezahlt seine Lehrer mit einiger Verzögerung. Dabei müssen sie auch jetzt hart arbeiten. Es ist besonders hart, weil viele Schüler kein Internet zuhause haben - also braucht es andere Wege, um die Hausaufgaben zu vermitteln.

Wir haben wenige Patienten, also wollen wir einen besonderen Service anbieten: Antikörpertext nach evt. Coronainfektion. Ein einfacher Test, der aber erst nach genauer Befragung und Untersuchung  Sinn macht. Alles fertig. Wir haben den Test. Viele warten. Dann ein Stopp durch das Gesundheitsamt und eine Unmenge Vorschriften für den Test mit nochmals verschärfter Schutzkleidung für Personal und Patient. Dabei machen wir den Test nur bei Gesunden, die die Krankheit überwunden haben. Viel warten darauf, doch ein "Beamter" verteidigt seine Macht und droht andererseits mit Klinikschließung. Also dauert alles. Dabei sind es gerade die Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitsdienstes der Provinz, die den Test haben wollen.

So geht es uns "noch" gut inmitten des Chaos. Wir versuchen genauso flexibel zu sein, wie der Rest der Bevölkerung.